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Einsatzbericht / Mitteilung
10.02.2020
Quelle:  Team Christoph 17 / Mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung

25. Jahrestag

Absturz von Christoph 17: Überlebende erinnern an Katastrophe

Der 10. Februar 1995 ist als schwarzer Tag in die Geschichte der Luftrettung im Oberallgäu eingegangen. Damals stürzte der Rettungshubschrauber Christoph 17 bei einem Einsatz in Balderschwang ab. Der 39-jährige Pilot Rainer Bott starb, Rettungsassistent Rainer Bumann und Notarzt Ulrich Hägele überlebten die Katastrophe schwerverletzt. Heute, genau 25 Jahre später, sprechen die beiden Männer über den Tag, der ihr Leben veränderte.

An jenem Freitag, dem 10. Februar 1995 ging gegen 11.30 Uhr ein Notruf bei der Integrierten Leitstelle ein: Auf einer Loipe bei Balderschwang liege eine bewusstlose Frau. Zwei Minuten später waren der Pilot Rainer Bott, Rettungsassistent Rainer Bumann und Notarzt Ulrich Hägele im Christoph 17 auf dem Weg zu der Patientin. Der aus Betzigau stammende Hägele war damals 43, Anästhesist und Intensivmediziner am Klinikum Kempten. Der 38-jährige Rainer Bumann aus Sonthofen war Wachleiter des BRK in Kempten und seit 1986 in der Luftrettung tätig.

Rainer Bumann erinnert sich bis heute minutiös an die Geschehnisse: „Wir hatten strahlenden Sonnenschein und viel Schnee. Weil wir die bewusstlose Frau nicht finden konnten, sind wir an der deutsch-österreichischen Grenze zwischengelandet, um zu fragen, ob den Kollegen dort etwas bekannt war. Dann sind wir wieder gestartet und die Loipe abgeflogen. Auf einmal sah ich aus dem Augenwinkel eine Person am Boden liegen und sagte das Rainer, dem Piloten. Der führte sofort eine 180-Grad-Wende durch. Wir flogen gegen Osten, Sonne und Schnee blendeten uns - keiner von uns sah das Seil der Materialbahn, das das Tal überspannte. Als ich es entdeckte, war es schon zu spät. Rainer versuchte zwar sofort, die Maschine hochzuziehen, aber dabei verfing sich das Landewerk in dem Seil.“

Laut der späteren Rekonstruktionsversuche wurde der Hubschrauber in seinem Vorwärtsflug mit 70 Knoten (ca. 130 km/h, Anm.d.Red.) durch das Seil abrupt abgebremst und dabei regelrecht verbogen. Der Heckrotor wurde abgerissen und später fast 100 Meter entfernt gefunden. „Dann hörte ich einen Peitschenknall, das war wohl das Seil, das zerriss“, erzählt Rainer Bumann weiter. „Rainer sagte noch: `So Jungs, das war´s jetzt´, dann stürzten wir ab.“ Die Maschine stürzte rund 100 Meter tief in einen Tobel und bohrte sich zwei Meter tief mit der Kanzel voran in den Boden. „Wenige Meter entfernt war ein Bach mit einem steinigen Bachbett. Wären wir da aufgekommen, wäre alles vorbei gewesen. Wo wir aufprallten, war mooriger Boden mit einer sehr hohen Schneeschicht. Das war unser Glück, denn dadurch wurde die kinetische Energie beim Aufprall ein wenig abgeschwächt“, so Bumann.

Mit der Erinnerung an das, was dann kam, ist Rainer Bumann allein. Ulrich Hägeles Gedächtnis hat den Absturz komplett gelöscht. „Meine Erinnerung endet damit, dass wir nach Balderschwang hineingeflogen sind und setzt erst fünf Tage nach dem Unglück wieder ein.“ Ein Umstand über den er sehr froh ist, wie er zugibt. Denn er hat ihn höchstwahrscheinlich vor langfristigen psychischen Problemen bewahrt.

Ganz anders ist es Rainer Bumann ergangen: „Ich erinnere mich genau an alles. Nach dem Aufprall muss ich ein paar Minuten bewusstlos gewesen sein. Als ich aufwachte hing ich kopfüber im Sitz. Es war stockdunkel, die Kanzel komplett zerstört.“ Glücklicherweise hatte er einen Arm frei. „Aus reinem, automatischen Selbsterhaltungstrieb grub ich mir damit eine Atemhöhle, damit ich überhaupt Luft bekam. Schmerzen hatte ich am Anfang keine - die kamen dann aber sehr schnell“, sagt er und verzieht leicht das Gesicht. „Dann hörte ich Rainer, den Piloten, neben mir. An der Art wie er atmete, wusste ich sofort, dass jede Hilfe zu spät kommen würde“, sagt er bedrückt. „Irgendwie konnte ich eine Schuhspitze von Uli erkennen, der quer hinter uns gesessen hatte. Als ich fragte: `Uli, wie geht´s Dir?´ kam keine Antwort. Dann der Gedanke: Hoffentlich brennt die Mühle jetzt nicht auch noch. Meine Stiefel waren voll mit Kerosin und die Triebwerke haben eine Temperatur von 780 Grad Celsius. Es war pures Glück dass sich das nicht entzündet hat.“

Dann kamen die Retter. Die parallel alarmierte Rettungswagen-Besatzung grub sich zu den Verunglückten hinunter. Mehrere Hubschrauber wurden zur Unterstützung hinzugezogen. Auch ihnen wurde die Seilbahn fast zum Verhängnis, wie Bumann berichtet. „Einer flog unter dem Zugseil durch und touchierte es beinahe. Ein zweiter flog in das Seil und durchschnitt es mit dem Rotor. Es schlug ein großes Loch in die Scheibe.“ Die Verunglückten wurden noch im Wrack in Narkose gelegt. „Es hat eineinhalb Stunden gedauert, mich rauszuschneiden“, weiß Rainer Bumann aus Erzählungen. Danach wurde er ins Klinikum Kempten geflogen, Ulrich Hägele kam nach Augsburg. Der Pilot Rainer Bott wurde reanimiert, verstarb aber noch an der Unfallstelle. Bis heute steht ein gerahmtes Foto von ihm im Aufenthaltsraum des neuen Hangars in Durach. Es wurde wenige Stunden vor seinem Tod aufgenommen und zeigt ihn mit seinem kleinen Sohn auf dem Schoß. Rainer sei „ein Guter“ gewesen, ein netter Kollege und ein sehr erfahrener, guter Pilot, der gern geflogen sei, erinnern sich die beiden Männer an ihm. Seine Witwe habe ihn jahrelang immer am Todestag besucht, so Bumann. Mittlerweile ist der Kontakt abgerissen.

Während die beiden erzählen, blättert er immer wieder in einem dicken Fotoalbum, hält inne, sieht sich Bilder an. Es ist voll mit Zeitungsartikeln über den Absturz (aus denen auch hervorgeht, dass die vorgeschriebenen Markierungen an den Seilen der Materialbahn ausgebleicht und somit schlecht sichtbar waren), mit Fotos von den Bergungsarbeiten und von wichtigen Stationen in den Monaten nach dem Unglück. Zu sehen ist unter anderem Bumann selbst, schwerverletzt, wie sich Kollegen an der Unfallstelle um ihn kümmern.

Auch das Marterl ist abgelichtet, das ein Jahr später feierlich dort aufgestellt wurde und um das sich seine mittlerweile 84-jährige Mutter immer noch kümmert. „Das Album haben mir die Kollegen zusammengestellt“, erzählt er. Anfangs sei es schwierig gewesen, sich das alles anzuschauen. Inzwischen könne er das längst problemlos. „Ich bin froh, dass ich das Album habe.“

Über einen Umstand berichten Hägele und Bumann eher nebenbei: Alle beide wären bei diesem Flug eigentlich gar nicht dabei gewesen. Ulrich Hägele war ganz kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen („das war damals nicht unüblich“) und Rainer Bumann hätte an dem Tag ursprünglich gar keinen Dienst gehabt. „Aber ich hatte mit einem Kollegen Schicht getauscht, weil ich eine Woche später nach Kenia fliegen wollte. Stattdessen war ich dann 5 Tage im künstlichen Koma, 14 Wochen im Krankenhaus und danach 10 von insgesamt 48 Wochen in Reha.“ Bei Ulrich Hägele verlief die Genesung wesentlich schneller. „Auch ich habe erst ein paar Tage später meine Umwelt wieder bewusst wahrgenommen. Aber anders als Rainer hatte ich im Wesentlichen nur ein paar gebrochen Rippen. Ich ließ mich sofort von Augsburg nach Kempten verlegen, denn dort war meine Frau und meine drei Kinder, die damals 5, 10 und 13 Jahre alt waren.“

Noch während seines eigenen Krankenhausaufenthaltes besuchte er seinen Kollegen. „Als Uli plötzlich an meinem Krankenbett stand, hat mich das sehr berührt und gefreut“, so Rainer Bumann. Hägele selbst konnte seine Arbeit bald wieder aufnehmen, kehrte gut zwei Monate nach dem Unglück wieder in die Luftrettung zurück. „2015 habe ich altersbedingt damit aufgehört, aber Landrettung fahre ich immer noch ein-, zweimal im Monat“, so der heute 67-Jährige. „Ich hatte großes Glück. Auch dank meiner Erinnerungslücke konnte ich mein Leben fast normal weiterführen.“ Lediglich beim Skifahren meide er seither ganz steile Hänge, „aus Angst vor einem Sturz und den folgenden Schmerzen. Das kannte ich vorher nicht“, sagt er. Körperlich machen ihm bis heute Wirbelsäulenprobleme zu schaffen und ein Auge, das damals einen Schlag abbekommen hatte.

Rainer Bumann hatte andere Päckchen zu tragen: Noch während seiner langwierigen körperlicher Genesung riet ihm ein befreundeter Pilot, sich auch psychologisch behandeln zu lassen. Davon wollte der gestandene Allgäuer und hartgesottene Rettungsdienstler, der sich trotz allem seinen Humor bewahrt hat, allerdings nichts wissen. Bis es ihn nach einem Jahr mit voller Wucht traf: Was mit erhöhter Schreckhaftigkeit anfing, mündete in Panikattacken - eine schwere posttraumatische Belastungsstörung, die ihn in stationäre Behandlung führte. „Ich wäre liebend gern in die Luftrettung zurückgekehrt, denn für mich ist das der schönste Beruf der Welt, doch mein Körper wäre diesen hohen Belastungen nicht mehr gewachsen gewesen“. Und die seelischen Verletzungen sorgten dafür, dass ein Hubschrauberflug lange Zeit undenkbar war.„2002 habe ich es zum ersten Mal wieder probiert und es war grausam“, erinnert sich Bumann mit einem Lachen. „Doch beim letzten Mal machte es mir schon gar nichts mehr aus“. Die Kollegen des Roten Kreuzes seien die ganze Zeit für ihn dagewesen, sagt Bumann. So ergriff er die Gelegenheit, beim BRK eine Umschulung zum Bürokaufmann zu absolvieren, wo der heute 62-Jährige bis zu seinem Renteneintritt 2017 arbeitete, zuletzt als Assistent der Geschäftsleitung. Seine Lebensqualität habe sich durch die Verletzungsfolgen natürlich verschlechtert. Manchmal schmerzen alle Gelenke. „Aber ich will nicht klagen.“ Mehr noch: „Ich möchte den Unfall nicht missen“, sagt er heute. „Ich habe viel daraus gelernt und er hat mich demütig gemacht. Wer das unglaubliche Gefühl erlebt, nach 14 Wochen Auf-dem-Rücken-Liegens erstmals wieder selbst unter der Dusche zu stehen, bekommt eine ganz andere Wertschätzung für scheinbar selbstverständliche Dinge.“

Ulrich Hägele ergänzt: „Zudem bekommt man als selbst Betroffener schlagartig ein ganz anderes Verständnis, eine Empathie für Menschen, die Schmerzen haben.“ Mit ihrem Schicksal scheinen beide im Reinen zu sein. Bumann formuliert es lakonisch: „Isch halt so. Das war einfach eine Verkettung unglücklicher Umstände“. Der Kollege, mit dem er damals Schicht getauscht hatte, habe lange Zeit Schuldgefühle gehabt und die Frau, der die Suche damals gegolten hatte und die die Katastrophe mitansehen musste, habe einen riesigen Blumenstrauß geschickt „Aber niemand muss sich wegen der Vorkommnisse Schuldgefühle machen, das ist totaler Quatsch. Wir würden niemals irgendjemandem einen Vorwurf machen“, sind sie sich einig. Wenn sich der Absturz am 10. Februar jährt, feiern sie gemeinsam. „Das Datum ist unser zweiter Geburtstag. Heuer ist es der Fünfundzwanzigste.“

Und eine Bitte haben Rainer Bumann und Ulrich Hägele an alle Adrenalinjunkies da draußen: „Extremsportarten nehmen massiv zu und viele Leute sind in ihrer Freizeit allzu leichtsinnig, weil sie denken `Notfalls holt mich der Heli da raus´. Bitte bedenkt aber: mit Eurem Verhalten setzt Ihr andere, unbeteiligte Menschen einer Gefahr aus. Denn eine Rettungsaktion mit dem Hubschrauber ist prinzipiell immer gefährlich.“
   
 
  Bildnachweis: Rainer Bumann (links) und Ulrich Hägele © all-in
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